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Interview im vai mit Carina Jielg ORF

Interview · Catharina Fineder | Marina Hämmerle | Marko Sauer | Barbara Winkler |

Architektur, bzw. Baukultur geht uns alle an. Und weil man das Interesse daran früh wecken muss, hat das vai gemeinsam mit LehrerInnen und ArchitektInnen Unterrichtseinheiten für die Schule entwickelt. Entstanden ist ein vielseitiges, kluges und vor allem tatsächlich fächerübergreifendes Projekt, das sich Unit Architektur nennt. Nach einem Jahr erfolgreicher Pilotphase am Bundesgymnasium Bludenz, startet Unit Architektur nun vorarlbergweit an 10 Schulen und Lehrgängen mit ebenso vielen unterschiedlichen Herangehensweisen an ein wichtiges Thema: das da lautet “Heimat im Blick von Jugendlichen“. Carina Jielg über ein Projekt, bei dem auch Lehrer noch was lernen können.

Bereits die Arbeitstitel der Units lassen erahnen wie spannend und konkret sich Baukultur im Unterricht umsetzen lässt und die breite Auswahl der Fächer, in denen die einzelnen Units angeboten werden, lassen auch den letzten Zweifel schwinden, dass hier ein Thema in einem Nebenfach geparkt wird. Barbara Winkler hat mit den SchülerInnen am BG Bludenz bereits im vergangenen Jahr Erfahrungen mit dem Thema Baukultur im Unterricht sammeln können.



Barbara Winkler: „Baukultur ist im Unterricht sicher zu wenig vertreten. Sie gehört jedoch in die Schulen, weil sie uns täglich umgibt, weil jeder damit zu tun hat und weil sich die SchülerInnen daran sehr gerne beteiligen, weil sie sich das vorstellen können. Jeder wohnt; sei es in Wohnungen, in Häusern und kann dann von eigenen Erfahrungen aus weiter denken. Wir beginnen mit Units, die den Jugendlichen sehr nahe sind. Das war im vergangenen Schuljahr das Thema Wohnen: meine Traumwohnung, wie wohne ich zuhause. Die SchülerInnen haben Filme gedreht, haben sich mit Grundrissen beschäftigt. Und wir beginnen nicht gleich komplex, sondern der Altersgruppe angepasst.

Was macht das mit den Schülern, inwieweit wird ihr Bewusstsein geschärft?



Wir sind eine allgemein bildende höhere Schule und wir haben keinen berufsbildenden Schwerpunkt. Dass die Schüler hinein schnuppern können in solche Bereiche, die schon mit Berufsbildern zu tun haben, das halte ich für ganz wichtig.“

Unit Architektur ist ein lernendes System. Die Ergebnisse der einzelnen Unterrichtseinheiten werden auf der Homepage unitarchitektur.at gesammelt. Lehrer können sich dort Inspiration für ihren Unterricht holen, die Homepage soll wie ein Katalog von Angeboten, derer man sich bedienen kann, funktionieren. Dass Baukultur nun auch Platz im Schulunterricht findet, ist laut Marina Hämmerle eine logische Konsequenz der bisherigen Vermittlungsarbeit des vai.



Marina Hämmerle: „Wir beschäftigen uns im vai schon seit Jahren intensiv mit der Architekturvermittlung. Ziel war es mit Unit Architektur ein nachhaltiges Instrument zu schaffen.

Warum soll Baukultur im Unterricht vorkommen, warum sollen junge Menschen damit konfrontiert werden?



Wir erfahren im Laufe unseres Schullebens etwas zu bildender Kunst, zu Literatur, zu mathematischen Fragestellungen,warum nicht zu Architektur. Jeder trifft Entscheidungen hinsichtlich des Lebensraumes, Eigenentscheidungen bei Miete, bei Kauf oder bei der Errichtung von Objekten. Um hier besser in der Lage zu sein diese Rahmenbedingungen einzuschätzen, erachten wir es als sehr wichtig, dass wir Qualitäten von Architektur vermitteln.

In Unit Architektur ist es vielleicht basaler angelegt. Es geht darum dass Jugendliche überhaupt ein Bewusstsein darüber entwickeln: Wo können sie persönlich ansetzen, wie nehmen sie ihr eigenes Umfeld wahr, wie lernen sie darüber sich auszutauschen und darüber zu sprechen.

Wie kann das in verschiedenen Unterrichtsfächern greifen?



Man könnte fast sagen Architektur selbst ist eine Querschnittsmaterie. Um gute Architektur zuwege zu bringen, müssen auch soziologische Aspekte in Betracht gezogen werden, die Statik muss stimmen, Berechnungen werden notwendig sein. Wenn es um Materialfragen geht, kann man dies in Bildnerische Erziehung einbinden, auch in die Übersetzung in kleinen Maßstäben, zum Beispiel. Architektur kann gezeichnet werden, man kann darüber im Englischunterricht reden: Wie leben wir hier in Vorarlberg, wie leben die Menschen in Amerika. Was haben sie für ein Verhältnis zum Haus, zu Mobilität, zu Besitz. Es gibt ganz viele verschiedene Ansätze, deshalb eignet sich Unit Architektur disziplinübergreifend für alle Fächer.“

Architektur wird immer komplexer und die Anforderungen an den Bürger wachsen – in Bürgerbeteiligungsverfahren wird über Plätze und Gebäude mitentschieden, Bürgerräte erarbeiten raumplanerische Fragen. Es braucht architektursensiblere, architekturgeschultere Menschen, davon ist auch der Schweizer Architekt und unitarchitektur-Initiator Marco Sauer überzeugt.



Marco Sauer: „Das ist ein Thema, das zurzeit unter Architekten sehr stark diskutiert wird. Wir wollten eine regionalbasierte Initiative für Vorarlberg machen. Als Architekt habe ich immer wieder gemerkt, dass meine Bauherrschaft die Themen, die wir angesprochen haben, nicht ganz nachvollziehen konnte. Und eigentlich sollte es das Bestreben sein, dass man Partner hat, die mit baukulturellen Fragen versiert sind, dass man ein Gespräch auf Augenhöhe führen kann.

Glauben Sie, es braucht heute architekturmündigere oder architektursensiblere Bürger als früher?



Unbedingt. Das ist der wichtigste Antrieb für diese Initiative, weil Architektur sehr breit diskutiert wird. Es gibt viele Zeitschriften, es ist in der Kulturberichterstattung, im Fernsehen, in den Zeitungen sehr häufig vorhanden, aber es gibt keine Auseinandersetzung auf einer tieferen Ebene. Und das ist ein Punkt, der sich vielleicht auch in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Die Fachleute sind vom Olymp herunter gestiegen. Es gibt nicht mehr diesen Graben zwischen Bestellern und denen die Architektur machen, man ist sich näher gekommen, aber man hat noch nicht eine gemeinsame Sprache gefunden.“

Catharina Fineder ist Architektin und war im Pilotjahr von Unit Architektur für die Koordination zuständig. Die Erfahrungen, die sie vor Ort mit den Schülern machen konnte, haben sie davon überzeugt, dass Baukultur vermittelbar ist und Schüler begeistern kann.



Catharina Fineder: „Prinzipiell sind die Schüler und Schülerinnen sehr interessiert wenn sie etwas TUN können, wenn sie sich selber mit Architektur beschäftigen und dann sehen, wow, da kommen tolle Ergebnisse raus wenn sie was beschreiben, was dokumentieren, Interviews führen. Das alles zu entdecken ist spannend. Oder wenn sie Spiele machen oder verrückte Konstellationen von Räumen fabrizieren, es ist eigentlich das Tun was ihnen besonders gefällt. Raumerfahrungen machen ist ja für jeden reizvoll. Man muss halt die Anleitungen und den Anstoß dafür bekommen.“

Unit Architektur · Baukultur im Unterricht · ein Projekt des Vorarlberger Architektur Institut